Mein Weg zu Jesus Christus Erlöser
Von Peter Geyer, Januar 2008


Ich war nur einmal in meinem Leben auf einer Auktion, am 27. April 1999 bei Zisska & Kistner in München. Meine Bieternummer war die 232, ich ersteigerte das Konvolut 192. Ich fuhr nach hause mit Klaus Kinskis Gedichtband Fieber – Tagebuch eines Aussätzigen.

Warum ich das tat, kann ich nicht genau erklären, wohl aber, dass meine Beweggründe etwas mit Mitleid und zumindest der Portion Respekt zu tun hatten, die es benötigt, dieses Gefühl in sich zu erwecken. Die Vorstellung, dass da einer Gedichte ausgeblutet hatte, um letztendlich die Profilneurose irgendwelcher Autogrammsammler zu befriedigen, war mir unerträglich. Einer, den ich sehr oft in schlechten Filmen brillieren sah und dessen Rezitationen viel zu gut waren, um im Handel noch erhältlich zu sein. Einer, dessen Erben – seiner dritten Ehefrau Minhoi und seinem einziger Sohn Nikolai – ich noch am gleichen Nachmittag schrieb, dass ich etwas eigne, das ihnen gehöre. Die Antwort aus Kalifornien ließ nicht lange auf sich warten, auf englisch, sinngemäß: „Wir haben selbst noch einen ganzen Keller voll Materialien, aber keinen Zugang zum deutschen Markt. Wer auch immer uns in den letzten Jahren wegen Klaus kontaktiert hat, war ganz offensichtlich verrückt.“

Ich bot meine Hilfe an und ein halbes Jahr später erreichte mich ein Päckchen mit 16mm-Filmrollen und Tonbandspulen. Minhoi erzählte mir die lange Geschichte von einer Offenbarung und deren vermeintlichen Eid; von einem Abend, der öffentlich als Scheitern begriffen wurde und Klaus Kinski dennoch selig in die Berliner Nacht entließ. Von einer Hundertschaft, in deren Mitte er zu fortgeschrittener Stunde endlich doch noch sein ganzes Evangelium verbreiten durfte, die ihm an den Lippen hing, wie niemand je zuvor. Von Kinskis nachträglicher Obsession mit seinem „wichtigsten Vortrag“ und den von ihm veranlassten Aufnahmen, die er immer wieder in Studios schleppte um Standphotos für Bildbände oder Plattencover von der Leinwand zu photographieren. Und von seiner Antwort, als Minhoi ihn schließlich einmal fragte, warum er das Filmmaterial nicht editiere: „Wenn ich das täte, würde das Pack mir nur nachsagen, dass ich ein schlechter Verlierer sei. Solange ich lebe und nicht irgendwelche beschissenen ‚Lifetime achievement awards’ küsse, würden die mich nur noch mal ans Kreuz schlagen. Das musst du nach meinem Tod versuchen, dann werden sie mich endlich vermissen.“

In den letzten acht Jahren habe ich einige Zeit damit verbracht, darüber nachzudenken, wie man 135 Minuten Rohmaterial, nicht durchgängig sondern gefilmt von vier verschiedenen Kameras einen abendfüllenden Film abringen könnte, der den Ereignissen des 20. Oktober 1971 in der Deutschlandhalle gerecht werden könnte. Niemand hatte damals die Dauer der Veranstaltung vorhergesehen, das Material war zu knapp disponiert worden, reichte hinten und vorne nicht aus. Im Dezember 1999 fertigte ich dennoch einen ersten Rohschnitt an, den ich seither – in Ermangelung eines eigenen Schnittcomputers – im Kopf immer weiter bebildert habe. Flugplätze, Bahnfahrten, Hotellobbies und Filmparties waren mir hierbei immer äußerst hilfreich. Je unverständlicher der Diskutierzwang der 68er und vor allem das Erstehen eines Tickets zu einem Vortrag, den man gar nicht hören will heute anmutet, desto mehr fühlte ich mich verpflichtet, die Verwirrung nicht noch durch verknappende Tonschnitte zu erhöhen. Die Dramaturgie des Films musste also jedes einzelne Wort, das Kinski vor dem vermeintlich endgültigen Abbruch auf der Bühne gesprochen hatte beinhalten. Und dann dennoch den Raum öffnen, die aufgepeitschte Stimmung, Randalierer, Polizeiaufgebot, Tumulte und Kinskis letzte Wiederkehr vermitteln. Ich glaube, dass das nun gelungen ist.


DER REGISS EUR
Peter Geyer, geboren am 25. 08. 1966 in Stuttgart. Studium der Rechtswissenschaften in Tübingen. Seit 1999 leitet er den Nachlass von Klaus Kinski, gab mehrere Veröffentlichungen über ihn heraus und schrieb 2006 eine Klaus-Kinski- Biographie. Er hat bei zahlreichen Hörbüchern Regie geführt und verschiedene auditive Gesamtwerke namhafter Künstler editiert, u. a. KINSKI SPRICHT WERKE DER WELTLITERATUR.